03 November 2010, Mittwoch

SERHAT RESUL ÜBER ENTWICKLUNGEN RUND UM DIE VON ÜBRRFLUTUNG BEDROHTE ANTIKE STADT HASANKEYF:

Hasankeyf wird geopfert, um Kontrolle über Irak und Syrien zu bekommen

Das von der 'Initiative Hasankeyf soll leben' zur Rettung der wegen des Ilisu-Staudammprojekts von Überflutung bedrohten antiken Stadt organisierte „Soladaritätscamp von Hasankeyf‟ hat begonnen. Serhat Resul, Sprecher der Initiative, berichtete uns über die aktuelle Situation.

KAZIM ŞAHİN kazimsahin@emekdunyasi.net

Die jahrtausendealte antike Stadt Allianoi wird erneut mit Sand zugeschüttet... sie wird unter dem Wasser eines Stausees verschwinden. Fırtına Deresi und Loç-Tal, Staudammprojekte in Munzur, all das wird trotz Protesten der Bevölkerung begonnen. Wenn wir es mal auf Zahlen herunterbrechen: die AKP hat für 1500 Wasserkraftwerke ihr OK gegeben. Demnächst werden wohl noch die Verse des „Marsches zum Zehnten Jahr‟ erneuert werden:

'10 Jahre lang haben wir das Land verschönert,
um seinen Hals haben wir entlang aller flieβenden Wasser
gleich einer Kette ruhmreiche Wasserkraftwerke gelegt' ....

Welchen Einfluss werden all die Stauseen auf das Leben der Bevölkerung vor Ort haben? Was werden die klimatischen Veränderungen sein? Wie wird sich die Natur verändern? All diese Fragen interessieren die Regierung nicht. Sie kümmert nur der Strom, der produziert werden wird, und ob die Stauseen, so wie es in Hasankeyf der Fall ist, einen Trumpf im Rahmen internationaler Politik darstellen. Doch mit die Regierung mit ihrer vermessenen Haltung ist in den Regionen, in denen sie Wasserkraftwerke bauen lassen will, mit lokalem Widerstand konfrontiert. Am Fırtına Deresi, im Loç-Tal, in Dersim, in Allioni und in Hasankeyf, überall tauchen Umweltorganisationen auf,  diese und die Bevölkerung diskutieren die Projekte und wenden sich dagegen. Allioni wurde unter Sand begraben... Nun ist die Reihe an den anderen...

Auf unsere Fragen antwortete Serhat Resul als Sprecher der Initiative 'Hasankeyf soll leben' wie folgt:

Wird Hasankeyf menschenleer gemacht? Gibt es Emigration? Wie können Sie diesen Prozess beschreiben?

Eine tatsächliche Umsiedlung hat noch nicht begonnen, erst muss der Preis für die Enteignung bezahlt werden. Die erste vom Staudammbau betroffene Region ist das Dorf Ilısu. Dafür hat die Wohnungsbaugesellschaft TOKİ Unterkünfte gegenüber von Hasankeyf gebaut. Niemand ist ohne Ausgleich für die Enteignung umgezogen. Die Summen wurden allerdings festgesetzt. Die Umsiedlung wird stattfinden und zwischen 70-90.000 Menschen werden betroffen sein. Es wurden noch nicht viele der anstehenden Arbeiten in die Praxis umgesetzt. Das Ilısu-Staudammprojekt wird seit 1954 verfolgt. Vor 1983 kam es nicht auf den Tisch. Erst nach diesem Datum wurden die Arbeiten begonnen. Bedeutende Schritte gab es 1999, wie etwa die Festlegung der Ablösesummen für die Enteignungen, die Untersuchung der Sozialstruktur. Als Umfragen gemacht wurden, waren die Leute verwirrt. Diese dienten dem Ziel, Kredite für den Staudammbau zu beschaffen. Aber in den letzten Jahren haben diese Dinge angefangen, ihre Bedeutung zu verlieren. Dank der Menschen, die Hasankeyf unterstützen, haben die Banken ihre Kredite zurückgezogen. Die Banken in Europa haben die Reaktionen auf das Projekt beobachtet und auf ein Engagement verzichtet. Der Hauptgrund war die Enteignung und Verstaatlichung. Im Juli 2009 tauchte eine öffentliche Begründung als Hindernis auf. Denn Hasankeyf ist einer der seltenen Orte, die sämtliche historischen Werte in sich bergen: wenn von 11 Kriterien der UNESCO 11 erfüllt sind, wird ein Ort zum Kulturerbe erklärt. Hasankeyf erfüllt alle diese Kriterien.

In der Legitimation des Staudammprojektes war oft von Entwicklung und Fortschritt die Rede; wie richtig ist dieser Ansatz?

Die Middle East Technical University in Ankara hat ein Projekt über Staudämme durchgeführt: anstelle des groβen Ilısu-Staudamms könnten fünf kleinere errichtet werden, hiess es darin. Eigentlich kein guter Rat, denn auch in diesem Fall wird wieder etwas gemacht, ohne die dort lebenden Menschen zu fragen. Aber im Vergleich mit dem bestehenden Projekt ist es doch annehmbarer, immerhin gibt es dann keinen riesigen Staudamm. Es würden nicht 70-80.000 Menschen dadurch beeinflusst werden. Die Finanzierung wäre weniger teuer, die produzierte Elektrizität jedoch mehr. Das Problem ist jedoch kein ökonomisches. Das Problem sind militärische Strategien, v.a. die Kontrolle der Wasserquellen Iraks und Syriens.

Wie wird die Natur durch den Bau des Staudamms beeinflusst werden, auβer dass die Stadt Hasankeyf überflutet wird?

Wenn an einem Fluss eine Reihe Staudämme errichtet werden, fällt die Abfliesskapazität desselben und durch die anfallenden Schadstoffe wird die Fauna des Flusses zerstört. Es kommt zur Ansammlung von Müll. Nach dem Bau eines Staudamms muss ein weiterer gebaut werden, sonst wird der Druck zu gross und richtet Schaden an. Wie gesagt, das Gleichgewicht geht kaputt, und das Leben im Fluss stirbt langsam ab. Die am Ufer und in der Umgebung wachsenden Pflanzen werden selbstverständlich mitbetroffen. Biotope für eine Reihe Pflanzen und Tiere gehen verloren. Und noch wichtiger, auch die mit dem Wasser verbundene Kultur geht verloren. Tiere mögen überleben, aber die mit dem Leben am Wasser verbundene Kultur kann niemand zurückbringen.

Das Klima in der Region ist kontinental, auch das wird sich verändern. Der Hauptgedanke gilt allerdings der Landwirtschaft. Aus Ingenieurssicht heisst es, je mehr Wasser in die Erde gegeben wird, desto mehr Erträge. Das haben sie in Urfa gemacht, und was ist passiert? Die Ertragskraft der Erde ist um ein Drittel gefallen und fällt noch weiter. Wenn das Gleichgewicht der Natur zerstört wird, geht die Produktivität verloren.

Die EU veröffentlicht einerseits Umweltschutzkriterien, andererseits vergibt sie Bürgschaften für Kredite an Staudammprojekte. Wie bewerten Sie das?

Die Politik Europas ist zweischneidig. Wenn es zu öffentlichen Reaktionen kommt, halten sie ihre Weste weiss. In der Türkei gibt es nicht mal das. Die Garantie-Bank, Die Halk-Bank, die Akbank, sie alle haben die Kredite unterstützt. Diese Banken hören nicht auf die öffentliche Meinung, sie sind abgebrüht. Lediglich der Zuständige der Akbank hatte verlauten lassen ‚Wir beteiligen uns nicht an einem Projekt, das die Natur schädigt' - aber wahrscheinlich schadet dieses Projekt ihrer Logik nach der Natur nicht.

Die Bedeutung Hasankeyfs wird überall diskutiert und besprochen, auch im Parlament. Es wurden juristische Eingaben gemacht, um das Projekt zu stoppen. In welche Richtung gehen die Entwicklungen?

Die Prozesse um Hasankeyf und Allianoi liefen gemeinsam. Eine Reihe von Gerichten haben den Stopp angeordnet, aber das System arbeitet nicht sehr effektiv. Ich halte das eher für eine Art des Hinhaltens. Es wird ein Plan gemacht, der verschiedenen Vorgaben widerspricht. Darüber wird ein Prozess geführt, das dauert 3-4 Tage. Die Entscheidung zum Stopp wurde in Allianoi nur nicht umgesetzt. Ein Gericht hatte entschieden, dass die Stadt mit einem Sandgemisch bedeckt unter dem Wasser erhalten bleiben solle. Alles wurde eilig begonnen, die Stadt sollte mit Lehm abgedeckt werden. Sie beweisen die Schädlichkeit von Lehm. Dann sagt ein neues Projekt, bedecken wir sie mit Sand. Bevor Sie noch Widerspruch einlegen können, sehen Sie, dass dies schon umgesetzt wurde, alles ist vorbei. Bei Hasankeyf  geht es nicht um die Stadt selbst, sondern um kulturelle Werte. Erst wird festgestellt, dass diese erhalten werden sollen, dann fällt der Name des eigentlichen Projektes.

Es geht um verschiedene, aber gemeinsame Kämpfe. Was ist hier der Stand der Dinge?

Die Initiative ‚Hasankeyf soll leben' ging aus dem Zusammenkommen vieler Organisationen hervor. Es gibt kaum eine hierarchische Struktur. Alle Arbeit wird v.a. von Freiwilligen gemacht. Was dieses Jahr von anderen unterscheidet, ist dass die Regierung dem Bau von 1500 Wasserkraftwerken zugestimmt hat und zahlreiche Menschen dagegen Protest eingelegt haben. Das hat das Zusammenkommen der vorhandenen Gruppen erleichtert. Im Moment überlegen wir, was wir als ‚Bewegung flieβender Gewässer' machen können. Es ist noch nichts fertiges, aber ein guter Anfang.

Bei einem Blick auf die Umweltbewegung springen verschiedene Strukturen wie Platformen, Vereine, Stiftungen usw. ins Auge. Es ist von einem Durcheinander die Rede. Ist der Kampf nur auf UmweltschützerInnen beschränkt?

Natürlich geht es nicht nur um die Umwelt. Die Natur, die Kultur und die Menschen werden geschädigt. Tabii bu kurumların yalnızca birinde bile duyarlılığınız varsa, göz yummanız mümkün değil. Auch TEMA arbeitet im Namen der Umwelt, aber als Nebeninstitution des Staates. Die Ansprüche mancher muss man nicht allzu ernst nehmen. Manche haben einen verengten Blick. Ich messe lokalen Organisationen mehr Bedeutung bei. Wenn zum Beispiel am Schwarzen Meer ein paar Dörfer sich zusammentun und etwas zu machen versuchen, das hat für mich Bedeutung. Das ist es auch, was in Hasankeyf passiert. Lokale Initiativen haben an Wichtigkeit zugenommen.

Wir versuchen, ein Netzwerk aufzubauen, so dass alle beteiligten Gruppen miteinander kommunizieren können. Das wird wohl auch klappen, es braucht allerdings etwas Zeit. Manche Gruppen gibt es erst seit drei bis fünf Monaten. Die, die wir erreichen können, versuchen wir zu unterstützen oder sie zur Unterstützung zu bewegen. Es gibt auch Vorurteile. Wenn die fallen, entsteht ein stabileres Netz. Die jetzige Entwicklung geht in diese Richtung. Und ich denke, es wird noch besser werden.

Was werdet ihr als Initiative ‚Hasankeyf soll leben' in nächster Zeit machen süreçte yapacağınız etkinlikler nelerdir?

Vom 11. bis zum 17. Oktober gibt es das Solidaritätscamp in Hasankeyf. In diesem Rahemen finden auch kulturelle Aktivitäten statt. In den letzten drei Monaten gingen die Bauarbeiten ohne Pause weiter. Es braucht eine Reaktion darauf, die Aufmerksamkeit der Menschen soll darauf gelenkt werden. Die Vorbereitungsarbeiten sind zu einem groβen Teil abgeschlossen. Wir versuchen, soviele Menschen zu erreichen wie möglich. Das Camp machen wir alleine, aber es gibt Unterstützung von manchen Stadtverwaltungen in der Region, z.B. aus Batman. Aber die grundlegende Organisationsarbeit macht die Initiative ‚Hasankeyf soll leben'. Das Programm umfasst an einem Tag z.B. Diskussionsrunden, Festivitäten, Konzerte und Proteste. Jede Gruppe hat dabei ihren eigenen Stand, verteilt ihre Informationen und Broschüren. Im Kern ist es ein Treffen aller.

Und vom fünten bis zum sechsten November wird es ein Wassersymposium geben. Dabei wird es um Wasser als Lebensrecht aller gehen, und die Beteiligten, auch lokale Stadtverwaltuıngen, werden alternative, anwendungsfähige Wasserverteilungsmodelle entwickeln und diskutieren. Der Grund dafür, dass dies in Diyarbakır stattfindet, ist dass in Diyarbakır und der Umgebung die Lokalverwaltungen offener für alternative Wasserpolitik sind. Wir dachten, um zu Ergebnissen zu kommen, wäre es besser, die Veranstaltung dort stattfinden zu lassen. Es ginge auch an anderen Orten, mit den gleichen Vortragenden, aber wenn es dann keine Veränderung in der regionalen Wasserpolitik gibt, war es vergebens. Es werden an die hundert Lokalverwaltungen eingeladen. Zunächst wird die Bedeutung der Privatisierung von Wasser diskutiert werden, dann wird es um Alternativen gehen.

Welche weiteren Informationen gibt es über das Wassersymposium?

Das Symposium organisiert die Kampagne Su Hakkı (dt. Wasserrecht). Die gesamten Kosten dafür trägt die Rosa Luxemburg Stiftung (RLS) in Deutschland. Die Organisation übernehmen die Kampagne Su Hakkı, die die Initiative ‚Hasankeyf soll leben', die Gruppe Heyelan, der Verein für Soziale Veränderung und die Stiftung für Soziale Demokratie. Die RLS ist unser Projektpartner.

Es gibt eine weitweite Entwicklung. Vom zweiten bis zum sechsten Oktober kommen von Staudammprojekten betroffene Menschen in Mexiko zusammen. Um voneinander zu erfahren und zu lernen, haben sie auch uns eingeladen.

Das Interview wurde am 11. Oktober 2010 in Istanbul geführt und mit geringfügigen Änderungen und Ergänzungen übersetzt.

İstanbul - Arbeits Welt