29 April 2010, Donnerstag

HERAUS ZUM ERSTEN MAI

Auch im Namen meines Vaters

Morgen, wenn sich die Arbeiterinnen und ihre Organisationen zum 1.Mai auf dem Istanbuler Taksimplatz versammeln, werden auch Angehörige derer dabei sein, die vor 33 Jahren beim ‘Blutigen 1. Mai’ ihr Leben verloren.

KENAN BUTAKIN

Eine von ihnen ist Birsen Gülünay. Ihr Vater, der Bauarbeiter Bayram Eyi, wurde von einem Panzer überrollt, während die Menge vom Platz flüchtete. Faschistische Konterguerillaeinheiten hatten von den Dächern umliegender Gebäude aus das Feuer auf die Feiernden eröffnet. 36 Menschen starben durch die Schüsse und im Chaos, das daraufhin ausbrach.

Bayram Eyi war von Erzurum nach Istanbul übergesiedelt. Er war als Sozialdemokrat und Anhänger Bülent Ecevit‘s Mitglied des revolutionären Gewerkschaftsdachverbandes DİSK geworden, mit dessen Gründung 1967 eine politisch starke Alternative gegenüber dem moderaten Verband TÜRK-İŞ geschaffen worden war. Seit den 1960er Jahren hatte sich die ArbeiterInnenbewegung, unterstützt von sozialistischen Organisationen der Studierenden, in stetem Aufstieg befunden. Ab den 1970ern nahm der Kampf mit den faschistischen Organisationen zunehmend Raum ein. Diese wurden oft genug von von staatlicher Seite protegiert, und die Ereignisse vom 1. Mai 1977 sollten zum bitteren Beweis dieser Verhältnisse werden.

‘Ich war damals 11 Jahre alt’, erinnert sich Gülünay. ‘Mein Vater war arm, aber ein würdevoller Arbeiter. Morgen werde ich auch in seinem Namen auf dem Platz sein’.

‘WENN MEIN VATER NOCH LEBEN WÜRDE…’

Sie waren fünf Geschwister, die nach dem ‘Blutigen 1.Mai’ ohne Vater aufwuchsen. Ihre Mutter brachte sie mit ihrem Verdienst als Haushaltshilfe nur mühsam durch. Vor fünf Jahren verstarb auch sie. Birsen Gülünay, die Tochter, hat heute selbst vier Kinder; sie arbeitet als Köchin in einem Cafè, und das Geld reicht gerade so. ‘Wenn mein Vater noch leben würde, hätte er sich um uns gekümmert’, sagt sie, und: ‘Für mich bedeutet der Erste Mai Solidarität und die Einheit der Arbeitenden. Es wäre schön, wenn mein Vater diesen Tag mit uns erleben könnte. Dass der Taksimplatz dieses Jahr wieder für uns offen ist, freut mich – aber es macht nichts ungeschehen. Die damaligen Mörder und ihre Befehlsgeber gehören vor Gericht. Und auch der Staat kann sich nicht von diesem Massaker reinwaschen, ohne dass ein Verfahren eröffnet wird.’

İstanbul -