02 Oktober 2010, Samstag

Krise steigert Armut - und Firmengewinne

Die Finanzkrise, die nach wie vor die ganze Welt in ihrem Bann hält, kommentierte der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan dieser Tage mit "Sie hat uns nicht betroffen."

Das Forschungszentrum des Gewerkschaftsdachverbandes DİSK (DİSK-AR) kam indessen in einer Studie zu dem Ergebnis, dass die Krise die Reallöhne in der Türkei gesenkt und die Armut nachweislich gesteigert hat. Dieselbe Untersuchung stellte auch heraus, dass die Unternehmensgewinne im gleichen Zeitraum gestiegen sind.

DİSK-AR veröffentlichte jetzt einen zusammenfassenden Bericht über die Forschungsergebnisse der Studie unter dem Titel "Beschäftigung und Reallöhne im industriellen Sektor". Zum Einfluss der Krise im Jahr 2009 heißt es dort: "Die 500 größten Unternehmen der Türkei haben 82, 4 % des Gesamtgewinns erzielt. Diese 500 größten Unternehmen haben ihren Gewinn um 10%, die nächstgrößten 500 Unternehmen um 30 % steigern können. Diese Angaben werden auch durch die Bilanz der an der Istanbuler Börse (İMKB) registrierten Unternehmen bestätigt. Ein hervorhebenswertes Faktum ist auch die gewachsene Zahl der Dollarmilliardäre in der Türkei während der Krisenperiode: diese stieg von 13 auf 28."

ANSTEIGENDE VERARMUNG

Der Bericht des DİSK-AR zeigt zudem auf, wie in umgekehrtem Verhältnis zu den Lohneinbußen der Arbeitenden das Wachstum im industriellen Sektor aus Sicht der Vorstandsetagen zugenommen hat. Über die Lohnverluste verlautet der Bericht: „Die Phase vor der Krise zugrundegelegt, beträgt der Rückgang der Reallöhne im Industriesektor  für die zweite Hälfte des Jahres 2010 5,57 %. Im Vergleich zu dieser Zeit ist es mithin zu einer ernstlichen Verarmung der IndustriearbeiterInnenschaft gekommen. Am spürbarsten wurde dies im Bereich Maschinenbau und -reparatur sowie technische Ausrüstung. In diesem Sektor gingen die Bruttolöhne um 32 % zurück. Die Kaufkraft der Beschäftigten sank um ein Drittel.

Der zweite Sektor, auf dem die Verarmung astronomische Zahlen hervorbrachte, ist die Grundmetallindustrie. Hier beträgt der Reallohnverlust 24 %. Auch die Beschäftigten im Automobilsektor gehören zu den am schwersten von der Krise betroffenen; dort gingen die Reallöhne im Vergleich zurzeit vor der Krise um 11 % zurück."

VERHEERENDE AUSWIRKUNGEN AUF DIE ARBEITENDEN

Ein weiterer Sektor, in dem sich die verheerende Auswirkungen der Krise aus Sicht der Arbeitenden besonders bemerkbar mache, sei der Bereich Kokskohle und Ölraffinerieprodukte: "Die Erzeugung von Kokskohle und Ölraffinerieprodukten ist um 14 % zurückgegangen. Im Textilsektor, der sich ohnehin in einer Krisenperiode befand, nahmen die Reallöhne um 6 % ab. Damit haben die dort Beschäftigten seit 2005 Einbußen von insgesamt 16,5 % zu verzeichnen."

Wie der Bericht abschließend feststellt, werden den Arbeiterinnen und Arbeitern unter dem Vorwand der Krise Lohnkürzungen zugemutet, während gleichzeitig die verrichtete Arbeit wie auch die Profite der Unternehmer steigen: "Im Ergebnis führte die Krise dazu, dass die Arbeitenden weniger in der Tasche haben. Die negativen Auswirkungen der Krise halten, wie die Daten unserer Untersuchung zeigen, weiterhin in besorgniserregendem Ausmass an. Die Rechnung für die Krise wird den IndustriearbeiterInnen aufgebürdet; die Regierung hat im Verein mit dem Kapital diesen Prozess in eine Chance für die großen Unternehmen und die Dollarmilliardäre verwandelt."