16 September 2010, Donnerstag

JULIA STRUTZ UND CORINNA TROGISCH:

Unbeugsame 'Barbaren'?

Ganz Istanbul ist ergriffen von "städtischer Transformation". Ganz Istanbul? Nein. Hier und da regt sich Widerstand.

CORINNA TROGISCH coel.trogisch@emekdunyasi.net

JULIA STRUTZ julia.strutz@gmx.de

Özgür(1) arbeitet in einer Möbelfabrik, sechs Tage die Woche zwischen elf und zwölf Stunden. Dabei gehen täglich knapp 35 Tonnen Holz über seine Hände. Wenn er dann am Samstag gegen fünf Feierabend hat, wäre ihm eigentlich ein erholsames Wochenende zu wünschen. Doch Özgür fährt weiter nach Sefaköy, einem Stadtbezirk von Istanbul, um dort nochmal 24 Stunden am Stück vor der lokalen Stadtverwaltung auszuharren. Und das nun seit mehr als 19 Wochen. Warum?

Angetrieben von politischen und sozio-ökonomischen Zwangslagen, wandert seit den fünfziger Jahren die Landbevölkerung der Türkei in die Städte. Da der Staat weder preiswerten Wohnraum für die Neuankömmlinge bereitstellt, noch die Einzelnen genug Geld aufbringen können, um eine Wohnung zu Konditionen des freien Marktes zu mieten, bleibt für viele nur eine pragmatische Lösung: Selbstbauen. Istanbul ist heute zu deutlich mehr als zwei Dritteln eine selbstgebaute Stadt. Die in seiner damaligen Peripherie entstandenen gecekondus ("über Nacht gebaut") sind Häuser bzw. Viertel, die meist auf öffentlichem Land - ausgenommen Militärgebiete - quasi "über Nacht‟ errichtet wurden. Das ist kein seltenes Phänomen in Ländern mit sprunghafter Urbanisierung - gecekondus in ihrer Frühphase sind wie favelas in Lateinamerikas oder wie shacks in Südafrikas.

Durch politische Mobilisierung und nachbarschaftliche Kooperation erstritten sich ihre BewohnerInnen über die Jahre hinweg Anschluss an die städtische Infrastruktur, angefangen von Straßen und Wasser, bis hin zu Elektrik und Gas. Und schließlich erhielten manche - oft in Form von Wahlgeschenken - auch den Eintrag ihres Hauses als rechtmäβigen Besitz ins Grundbuch.

Gecekondus fügen sich ein in die Bedingungen der Verwertung menschlicher Arbeitskraft in der Türkei: sie liegen oft in Laufweite zur Fabrik, Kosten für Wohnen und Anfahrt fallen aus. Dank der Anbauaktivitäten der BewohnerInnen wird teilweise sogar Nahrung durch sie "bezahlt" - Löhne können niedriggehalten werden, was der türkischen Wirtschaft innerhalb der Konkurrenz auf dem Weltmarkt zu Gute kommt. Diese Verbindung von Leben und Arbeiten ist jedoch im Wandel begriffen.

Nach 60 Jahren Migration in die Städte und einem Bevölkerungswachstum von knapp einer Million auf 13 Millionen ist die ehemalige Peripherie Istanbuls ins Zentrum der Stadt vorgerückt.

Fabrikstandorte werden gewechselt; der Profit, den dieses Land verspricht, ist rapide gestiegen. Für InvestorInnen, genauso wie aus Sicht der Stadtverwaltung, sind gecekondus im Ist-Zustand alles andere als lukrativ. Ein Olympiastadion mit einem olympischen Dorf zu bauen, ist es schon eher - und hier beginnt die Geschichte des Widerstands in Ayazma. In den späten Achtzigern und frühen Neunzigern begannen ZuwandererInnen und Flüchtlinge aus dem kurdischen Osten und Südosten der Türkei in "Ayazma Mevkii-Tepeüstü" zu siedeln, damals noch ein Ort ganz am Rand der Stadt, in dem auch eine begrenzte Subsistenzwirtschaft weiterhin möglich war. 1999 jedoch begann in Ayazma der Bau des "Olympiat Stadyumu", welches einen Platz unter den größten Stadien der Welt einnehmen sollte - so wurde es damals zumindest behauptet. Im Jahr 2004 schlossen die Stadtverwaltung Istanbuls, die Bezirksverwaltung von Küçükçekmece und TOKİ (Toplu Konut İdaresi), die Wohnungsbaugesellschaft der Türkei, einen Vertrag zur Umsiedlung von 1730 Familien aus Ayazma in die TOKİ-Siedlung Bezirganbahçe.

SOZIALER AUFSTIEG MIT TOKİ?

Der Großteil der Umsiedlungsprojekte in Istanbul, die derzeit unter dem Stichwort "städtische Transformation" (türk. kentsel dönüşüm) laufen, erteilt den Zwangsumgesiedelten zum Ausgleich das Anrecht auf Wohnraum in einem TOKİ-Projekt. Die 1990 gegründete Wohnungsbaugesellschaft TOKİ arbeitet als public-private partnership, funktioniert also nach marktwirtschaftlichen Prinzipien und bekommt vom Staat lediglich Subventionen in Form von Land. 2001 wurde sie mit weitreichenden Kompetenzen auch im Hinblick auf Planung ausgestattet. TOKİ arbeitet auf ironische Weise nach dem Robin-Hood Prinzip - von den Reichen nehmen und den Armen geben: in den lukrativen innerstädtischen Regionen werden Luxusappartements an die gehobene Mittelklasse verkauft und mit dem so erwirtschaftetem Geld preiswerte Wohnungen auf günstigem Baugrund am Rande der Stadt gebaut: dutzende Betonbunker mit mehr als 10 Stockwerken Seit' an Seit'. TOKİ betreibt mass housing, also keinen ‚sozialen' Wohnungsbau, sondern nur massenhaften. Die Zwangsumgesiedelten müssen nach einer einmaligen Vorauszahlung im Regelfall noch über Jahre hinweg einen Kredit abbezahlen.

ERZIEHUNG ZUR STÄDTISCHEN WOHN- UND LEBENSWEISE IN BEZIRGANBAHÇE

Die Einbindung in das TOKİ-Kreditarrangement, die sich für viele als zwar begrenzter, aber erreichbarer sozialer Aufstieg ausnimmt, stellt mit ihren Anforderungen gleichzeitig eine Form langfristiger Disziplinierungspolitik dar. Während die Arbeitswirklichkeit der Betroffenen, die zumeist als TagelöhnerInnen und innerhalb der informellen Ökonomie arbeiten, in nichts der geforderten Regelmäβigkeit entspricht, reichen zwei aufeinanderfolgend ausbleibende Mietzahlungen aus, um das Recht auf die Wohnung wieder zu verlieren. Monatlich 50 TL werden zudem für die Administration der TOKİ-Siedlung erhoben. Für die meisten Betroffenen bedeutet TOKİ nicht nur Verschuldung und den Verlust sozialer Netze, die besonders für die Niedrig- oder Nichtbeschäftigten von vitalem Interesse sind, sondern auch der Verlust des Arbeitsplatzes. Leben in den Schlafstädten am Rande der Stadt heißt lange und kostspielige Anfahrtzeiten und so oft auch den Abbruch der Beziehungen zur informellen Ökonomie. Es heißt also auf all die Vorteile, die das System gecekondu bot, plötzlich verzichten zu müssen.

Gemäβ diesem Verfahren wurden Ende 2006 1474 Familien von Ayazma nach Bezirganbahçe umgesiedelt; Ayazma wurde abgerissen. Die ehemaligen BewohnerInnen Ayazma's sind an ihrem neuen Wohnort mit verschiedenen Problemen konfrontiert. Vertrieben vom Krieg im Südosten des Landes, wurde ihnen der Stempel "gefährliche Kurden" aufgedrückt. Entsprechend wurden in "ihrem" TOKI-Projekt nicht nur Wohnungen für sie selbst gebaut, sondern Wohnblocks für Polizisten und deren Familien zwischen sie und jenen Wohnblocks gezogen, die über den freien Markt an Familien der unteren Mittelklasse verkauft wurden - quasi als Schutzwall gegen die "gefährlichen Kurden". Der aus Ayazma zugezogene Ömer sieht es jedoch als Segen, die Polizei im der eigenen Siedlung zu haben, denn Bezirganbahçe ist allgemein bekannt als Wohnort von Ultrafaschisten.

Die Aufgabe, die BewohnerInnen mit den Details des urbanen Lebens dort vertraut zu machen, obliegt der Firma Boğaziçi Yönetim A.Ş. Zu deren ‚Lehrplan' gehört es, zu vermitteln, dass keine Schuhe vor der Tür im Hausflur abgestellt, und dass keine Wäsche auf dem Balkon getrocknet oder Teppiche auf den Freiflächen gewaschen und zum Trocknen in die Sonne gehängt werden dürfen.

Die Frage des Teppichwaschens hat allerdings existenziellen Charakter v.a. für die Frauen in der Siedlung, denen generell die Verantwortung für alles Häusliche überlassen bleibt. In den Dreiraumwohnungen wohnen oft sechs oder sieben Leute, Möbel gibt es kaum. Essen, Schularbeiten, Schlafen, das ganze Leben findet am Boden auf Teppichen statt. So ist die Säuberung der Teppiche ganz klar eine hygenische Notwendigkeit, und in gecekondus war sie leicht möglich. In Bezirganbahçe ist dies nun verboten. Die Frauen verbringen Tage damit, die Teppiche in den kleinen Badezimmern Stück für Stück zu waschen und zu trocknen. Manche nehmen auch drei-, vierstündige Fahrten auf sich, um zu Verwandten ins gecekondu zu fahren und dort die Teppiche zu waschen.

Durch die Umstellung der Wohnweise ist der Alltag nur mit einem vielfachen an Aufwand zu bewältigen; gleichzeitig trifft der Wegfall nachbarschaftlicher Beziehungen die Frauen auch im Hinblick auf Erwerbsarbeit am härtesten: ihnen bleiben meist nur informelle Arbeitsformen wie in privaten Haushalten oder Heimarbeit; die Netzwerke die dafür Voraussetzung sind, brechen mit dem Umzug weg.

Trotz der beengten Lebensweise in Bezirganbahçe und den damit verbundenen Demütigungen und Zumutungen sehen die Betroffenen den Einzug in die TOKİ-Siedlungen als relative Verbesserung; keine Alternative wurde je diskutiert oder als politische Forderung erhoben. Und eine politische Kraft, die sich des Themas annimmt und über die Einhaltung der grundlegendsten Rechte hinaus Einwände gegen die Umsiedlungs - oder vielmehr Vertreibungspolitik - erhebt, ist nicht in Sicht.

DER DRITTE ABRISS UND DIE MAHNWACHE IN SEFAKÖY

Die Lage der ehemaligen MieterInnen von Ayazma ist noch unvergleichlich drückender als die Verhältnisse in Bezirganbahçe: Zwar gab die Stadt von Anfang an das Versprechen, Wohnraum für alle ehemaligen Bewohner von Ayazma bereit zu stellen. Als dann aber die Wohnungen zugeteilt wurde, gingen jene 256 Familien, die zur Miete dort gewohnt hatten, leer aus - sie waren einfach vergessen worden. Als keine Lösung gefunden wurde, begannen 42 Familien, die außerhalb Ayazmas keinen bezahlbaren Mietraum finden konnten, wieder in dessen Trümmern zu leben, bis an einem Morgen Anfang November 2007 erneut Bulldozer vor den Baracken standen und diese samt aller Möbel und Wertgegenstände ein weiteres Mal abrissen. Doch wohin? Schon am nächsten Tag wurden in Ayazma wieder Zelte errichtet. Alle die eine Möglichkeit hatten, anderswo unterzukommen - es war Mitte November - nutzten diese, und so fiel die Zahl der Verbleibenden über ein Jahr hinweg zunächst auf 24 und dann auf 18 Familien. Diese lebten nun weiter mit nur einer gemeinsamen Toilette und einmal im Monat Zugang zu einer Dusche in Ayazma.

Quasi zum Jahrestag des zweiten Abrisses fiel die Stadtverwaltung ein drittes Mal mit der Prügeleinheit der Polizei und Abrissfahrzeugen in Ayazma ein. Vorwand von offizieller Seite war diesmal, dass in den Zelten Bomben versteckt wären. Als sich nichts dergleichen fand, merkten auch die Räumungseinheiten, dass sie auf eine falsche Spur gelenkt worden waren. Beim Abriss, so wird erzählt, weinten etliche Polizeibeamte zusammen mit den ZeltbewohnerInnen.

Im Unterschied zu den bisherigen Räumungen waren diesmal sowohl Medien als auch AktivistInnen vor Ort. Das Vorgehen der Stadtverwaltung machte Schlagzeilen. Die Familien von Ayazma wurden zu Fernsehsendungen eingeladen, bei denen dem lokalen Bürgermeister, Aziz Yeniay, öffentliche Versprechen abgerungen werden konnten. Sie bekamen eine einjährige Mietunterstützung, bis ihnen, so Yeniay, im März 2010 eine andere Unterkunft im TOKİ-Projekt Kayabaşı zugewiesen werde - ohne Vorauszahlung und mit bezahlbaren monatlichen Raten.

Das mietfreie Jahr ist nun um und ein Angebot der Stadt auf dem Tisch, welches einen klaren Bruch dieser Versprechungen darstellt: 10 000 TL Vorauszahlung, wenn sofort begonnen wird, die Mietraten abzuzahlen, und 15 000 TL Vorauszahlung bei Mietzahlung mit dem Einzug. Für die verbleibenden 18 Familien ist es schwer genug Mieten von rund 400 TL im Monat aufzubringen, derartige Summen aber sind undenkbar.

Um dennoch eine mögliche Lösung für sich einzufordern, sitzen die 18 Familien nun seit vielen Wochen vor dem Rathaus in Sefaköy. In dem Zeitraum, in dem die Mieten von der Stadt bezahlt worden waren, war die Mehrheit der Familien in die TOKİ-Siedlung Bezirganbahçe, oder in angrenzende gecekondus zurück zu ihren ehemaligen NachbarInnen, FreundInnen und Verwandten gezogen. Ömer zumindest hatte das Glück, Arbeit zu finden und verdient rund 1000 TL im Monat. Davon gehen nun 400 TL für Miete, 100 TL für Strom-, Wasser und Gasrechnung, 50 TL für die Administration der TOKİ-Siedlung und 100 TL für den Weg zur Arbeit mit dem Bus ab. Mit den verbleibenden 350 TL lässt sich eine 6-köpfige Familie nicht über Wasser halten. "Dann zahlen wir eben nur jeden dritten Monat Miete", so Ömer.

Hülya und ihre älteste Tochter Aynur, die beide regelmäßig an der Mahnwache teilnehmen, berichten von den Lebensbedingungen der letzten zwei Jahre und ihren Hoffnungen auf ein Entkommen aus der Armutsspirale. Die Familie hat fünf Kinder. Die Eltern - die Mutter Analphabetin, der Vater seit Jahren arbeitsunfähig - wollen unbedingt alle Kinder ausbilden lassen, die drei Mädchen ebenso wie die beiden Jungs. Aynur musste jedoch die Schule abbrechen, um zu arbeiten. Sie holt jetzt ihren Gymnasialabschluss mit Fernkursen nach - eine enorme Disziplinleistung während des Lebens im Zelt. Die zweitälteste hat das Gymnasium fertig und könnte jetzt zur Uni gehen, wäre das Geld dafür da. Pınar, die kleinste, wird bald sechs. Nach den Erlebnissen der Räumung hat sie einen Hass auf die Polizei entwickelt, der ihr, so fürchtet Hülya, im bevorstehenden Schulalltag Schwierigkeiten machen könnte. Neulich im Supermarkt hatte sie ein Beamter über den Kopf gestreichelt. Pınar schlug nach ihm. Was die Kleine denn habe, fragte dieser und erwiderte auf Hülyas Erklärung hin, er habe schon oft daran gedacht, den Beruf zu wechseln.

DER GROΒE POLITISCHE ENTWURF UND DIE RECHTLICHE SEITE DES KENTSEL DÖNÜŞÜM

Ayazma ist zwar ein besonders tragischer, aber kein Einzelfall in Istanbul. Unzählige Viertel sind in den vergangenen Jahren zu Gebieten der "städtischen Transformation" ernannt worden. Die politische Logik des kentsel dönüşüm lässt sich am vor Jahren erstellten "Masterplan‟ Istanbuls ablesen. Auch wenn er mittlerweile zum gröβten Teil überholt ist, dient er nach wie vor als Inspirations- und Legitimationsquelle für zahlreiche Einzelvorhaben. Ziel des Planes war es, Istanbul bis zum Jahr 2023  - dem 100. Jahrestag der Türkischen Republik - zu einer modernen Dienstleistungsmetropole zu machen. Die Zahl der Beschäftigten im Dienstleistungssektor soll dafür von 60 auf 70% erhöht, der Anteil der industriell Beschäftigten von 32 auf 25% gesenkt werden. Gleichzeitig soll die Zahl der Beschäftigten in der Landwirtschaft von 8 auf 5% sinken. Auch wenn der "Masterplan‟ inzwischen revidiert und durch die Umsetzung mehrerer Großprojekte, die nicht im ursprünglichen Plan enthalten waren, konterkariert wurde, so formulierte er dennoch erstmals eine Vision von sektoralem Strukturwandel und Dezentralisierung der Industrie unter Einbezug der angrenzenden Städte Kocaeli, Tekirdağ, Izmit, Yalova.

Im Laufe der vergangenen 10 Jahre hat sich die Istanbuler Lokalregierung ferner einen Rechtskörper gezimmert, der es erlaubt, quasi beliebig die verarmten Beschäftigten der informellen und industriellen Sektoren an den Rand der Stadt zu verbannen. In den historischen Gebieten - grob gesagt, alles was vor dem 1.Weltkrieg entstanden ist - der Stadt ermöglicht es das Gesetz Nr. 5366, ein Viertel unter Denkmalschutz zu stellen, die Bewohner zu enteignen und die Bausubstanz zu erneuern. Im Rahmen der bisherigen Eingriffe im Namen dieses Gesetzes - in Sulukule, Tarlabaşı, Fener-Balat-Ayvansaray, Süleymaniye - bedeutet Erneuerung allerdings ausnahmslos Abriss und Neuaufbau. Die Möglichkeit aus Eigeninitiative und mit eigenen Mitteln zu investieren, ist nur für eine winzige Minderheit gegeben. Und gerade in den Anwendungsgebieten von 5366 - dem historischen Istanbul - legt das türkische Denkmalschutzgesetz der Instandhaltung und Erneuerung von Gebäuden derartige Steine in den Weg, dass selbst dann wenn Geld und know-how vorhanden sind, die Reparatur eines Gebäudes zum Vollzeitjob und zur mehrjährigen Auseinandersetzung mit den Behörden wird. Über lange Zeit hinweg wurde von Seiten der Stadtverwaltung in diese Stadtteile offenbar gezielt nicht mehr investiert. Müll wird nicht mehr eingesammelt, Straßen nicht erneuert. Selbst historische Gebäude in diesen Vierteln, die im Besitz der Stadt sind, verfallen vor sich hin - fast als wollte die Stadtverwaltung ein Symbol dafür setzen, dass hier außer Kahlschlagsanierung nichts mehr zu machen ist. Nach ein paar Jahren bewusster Nicht-Investition sind die BewohnerInnen meist bereit, in ein anderes Viertel zu ziehen - bevor ihnen das Dach des Hauses auf den Kopf fällt und die gesamte Familie unter sich begräbt, wie im nahe am Vergnügungsviertel Beyoğlu gelegenen Tarlabaşı mehrfach geschehen.

Im Falle von gecekondu-Siedlungen, wo ohnehin komplizierte, unsichere oder gar keine Eigentumsrechte bestehen, wird Erdbebengefahr und das Gesetz Nr. 5393 zum Anlass genommen, die Viertel abzureißen und an Stelle dessen Appartementblocks zu bauen. TOKİ oder in manchen Fällen KİPTAŞ - das städtische Pendant zum nationalen TOKİ - ist jeweils das Instrument, um die BewohnerInnen umzusiedeln. Mit dem Tausch von wertvollem Land im inneren Stadtbereich gegen peripheres werden satte Profite gemacht. Darüberhinaus wird eine Politik betrieben, die im Kontext einer Umstellung der Produktionsweise auch eine Neugestaltung des Zusammenhangs von Lebens- und Arbeitsweise erreichen will: Veränderung des Bedarfs an Arbeitskräften und des Anforderungsprofil an diese, die Säuberung der Stadt von informeller Ökonomie und die Schaffung ‚moderner Menschen' in Apartment-Bunkern bilden ein regulatives Ganzes.

Dass die Rechnung nicht immer aufgeht, zeigt sich dadurch, dass viele der Umgesetzten bald wieder zurück in der Stadt, in einem anderen gecekondu oder in den angrenzenden Regionen ihres ehemaligen Viertels sind. Zwei unbezahlte Monatsraten in Folge allein reichen aus, um das Anrecht auf eine TOKİ-Wohnung zu verlieren. Von den 324 Familien beispielsweise, die von Sulukule in das TOKİ-Projekt Taşoluk versetzt wurden, sind heute noch 8 übrig.

FORMEN DER SOLIDARITÄT UND FORMEN IHRES FEHLENS

TOKİ wird in der Öffentlichkeit als sozialstaatliche Einrichtung, kentsel dönüşüm als die lang erwartete Chance zur Flucht aus der Armut diskutiert. Geschichten, wie der der MieterInnen von Ayazma finden keinen Platz in den mainstream-Medien der Türkei, deren Besitz sich in den Händen weniger Holdings konzentriert. Würden Fernsehsender über Ayazma berichten, so nähmen die profitablen Beziehungen der Kanäle hochrangigen Politikern, einschließlich des inzwischen unter die acht reichsten Staatsoberhäupter aufgestiegenen Premierministers, erheblich Schaden. JournalistInnen halten sich nicht zuletzt aus Angst um ihre Jobs stark zurück. Über Ayazma berichtet im Regelfall eher die Stadtteilzeitung. Die Reaktionen der Leute, die von den sitzstreikenden Familien vor dem Sefaköyer Rathaus mit Flyern versorgt werden, entsprechen dieser Desinformationspolitik: "Die meisten glauben zuerst, dass wir TOKİ-Wohnungen verkaufen wollten", meint Ömer. "Wenn wir unsere Geschichte aber erzählen können, dann sind sie meist schockiert und können es gar nicht fassen."

Die Kriminalisierung der BewohnerInnen der zum räumlichen und sozialen Verfall preisgegebenen Regionen "städtischer Transformation‟ tut ein Übriges, den Widerstand zu schwächen. Die betroffenen Gruppen solidarisieren sich bisher nicht oder kaum miteinander, haben keine gemeinsame politische Sprache. Die in gecekondus Ansässigen, häufig in dritter Generation im selben Haus geboren und aufgewachsen, werden als illegale Landbesetzer dargestellt, die sich auf ungehörige Weise am öffentlichem Gut bedient hätten und so reich geworden wären. Der Lebensstil in manchen gecekondus gilt als bäuerlich, traditionell - es wird sich darüber mokiert, dass auf dem Boden gegessen und im Freien gekocht wird und manchmal Tiere mit im Haus leben. Dazu kommen ethnische und andere Stigmata: In Sulukule sind es die drogenhandelnden Roma, in Süleymaniye die migrantischen bzw. kurdischen Müllsammler und Tagelöhner, in Tarlabaşı die terroristischen Kurden, Transvestiten und undokumentierten Migranten, von denen sich abgegrenzt wird - und in Ayazma die ‚gefährlichen Kurden'.

Diese Stigmatisierungen erleichtern es der Stadt erheblich, ihr Vorgehen gegenüber der mittelständischen Öffentlichkeit zu legitimieren. Und es schlägt einen Keil zwischen die Organisationen der Betroffenen selbst. Die "Roma‟ von Sulukule solidarisieren sich im Allgemeinen nicht mit den "Kurden‟ von Tarlabaşı, die "Kurden‟ von Tarlabaşı nicht mit den "illegalen Landbesetzern‟ der gecekondus, letztere behaupten keine "illegalen Landbesetzer‟ zu sein und arbeiten nicht mit "illegalen Landbesetzern‟ anderer gecekondus zusammen. Daraus folgt, dass eine Solidarisierung nur punktuell funktioniert, wie in Ayazma - außer den direkt Involvierten bekommt kaum jemand etwas von der brutalen Realität des kentsel dönüşüm in Istanbul mit.

Erheblich für die politische Schwäche der Betroffenen ist zudem, dass sie zumeist als TagelöhnerInnen und informell Beschäftigte arbeiten, nur ein ganz geringes Bildungsniveau haben und nicht gewerkschaftlich organisiert sind. So werden sie zu Stiefkindern gewerkschaftlicher Politik. Damit verweist die strukturelle Schwäche des Widerstands in Ayazma und anderswo auch auf eine anhaltende Schwäche derselben: es fehlt an Antworten auf die globale Veränderung der Arbeits- und Verwertungsbedingungen, mit denen reguläre Beschäftigung immer seltener wird und ein zunehmender Anteil der Arbeitenden erwerbslos bleibt oder unter flexibilisierten Bedingungen zu arbeiten gezwungen sind. Und tatsächlich berichten die Leute aus Ayazma, bisher sei jegliches Interesse an ihrer Lage und ihrem Widerstand durch die Gewerkschaften ausgeblieben. Dies verleitete Ömer schliesslich zur der Frage, "Ist es, weil wir Kurden sind?‟ Mag das so direkt auch ein Fehlschluss sein - in der Türkei in der Hierarchie der Arbeitsverhältnisse ganz unten zu stehen und kurdisch zu sein, kommt oft zusammen, und damit auch, wie oben beschrieben aus dem gewerkschaftlichen Blick zu geraten. So münden Krieg und Vertreibung, vergeschlechtlichte Arbeitsbedingungen, ethnische Stigmatisierung und Klassenumstrukturierungen in einem strukturell schwachen Widerstand.

VertreterInnen von politischen Parteien der Linken haben sich wohl hie und da einmal zur Erklärung ihrer Solidarität blicken lassen. Doch die MieterInnen von Ayazma nehmen weiterhin keine ernstgemeinte Unterstützung wahr. Auch Menschenrechtsorganisationen hielten sich, obwohl die MahnwächterInnen mit fertigen Pressedossiers bei ihnen vorsprachen, bisher zurück. Einzelne Berufsverbände unterstützen die Abrissopfer bei der Einreichung von Klagen, im Großen und Ganzen bleiben sie jedoch auf sich allein gestellt. Wie aber kann der bisher schwache Widerstand stärker werden?

Auf diese Frage suchen verschiedenen Organisiationen - von den Berufskammern, über AkademikerInnen und AktivistInnen bis hin zu Nachbarschaftsorganisationen selbst - seit längerem eine Antwort. Ein Beispiel für konkrete Hilfe kam unter anderem vom Verein Bir Umut (dt. Eine Hoffnung), der vor sechs Jahren aus einem Zusammenschluss von einzelnen Freiwilligenvereinen und Initiativen hervorgegangen ist, die sich nach dem Erdbeben 1999 gegründet hatten. Bir Umut hat Zulauf aus verschiedenen politischen Richtungen; der Verein macht keinerlei geförderte Projektarbeit, sondern finanziert sich aus den Monatsbeiträgen der Mitglieder.

Muzaffer, der seit Anbeginn dabei ist, erklärt dass für die sozialistische Bewegung die politische Auseinandersetzung um ‚Räume' ein thematisches Novum sei. An Bir Umut kritisierten linke Organisationen in erster Linie, dass der Verein 'hayır işi' machen würde, also Wohltätigkeitsarbeit. Auf diese Haltung hat Muzaffer eine Antwort: "Die sozialistischen Organisationen haben es verpasst, die Selbstorganisierung derer zu fördern, die im Namen städtischer Transformation entrechtet und marginalisiert werden. Darüber hinaus fehlt es generell an Versuchen, die Fähigkeit gesellschaftlicher Gruppen zu fördern, selbst für ihre Interessen einzutreten." Ein zentrales Stichwort in Muzaffers Kritik ist vekillilik - und gemeint ist dasselbe, was im deutschen Sprachraum oft als "Stellvertreterpolitik‟ gebrandmarkt wurde. Die meisten linken Organisationen verstünden sich als Avantgardeorganisation und richteten ihr Engagement daran aus, was in einem politischen Kampf für die eigene Gruppe zu gewinnen sei. Letztlich komme die Linke in der Türkei so nicht über ihre eigene Marginalisierung hinaus.

Bir Umut hingegen, so Muzaffer, habe sich entschieden, konsequent nicht im Namen der Betroffenen zu sprechen: keine Presseerklärungen, keine ideologischen Verlautbarungen - "Wir machen keine symbolische Politik‟.

Der Verein unterstützt die Betroffenen der "städtischen Transformation‟ bei der Lancierung ihrer Forderungen und stellt logistische, materielle und soziale Hilfe bereit, ohne die auch den Leuten von Ayazma vielleicht längst die Puste ausgegangen wäre. Als weiterreichende Perspektive bestärkt Bir Umut die Gründung von Quartiersvereinen, in denen sich BewohnerInnen organisieren, Interessen selbst formulieren und politische Fähigkeiten erwerben.

Allein mit Initiativen wie der von BirUmut ist gegen TOKİ und Co wohl nicht anzukommen - als Ansatz zu demokratischer Selbstorganisierung jedoch, auf den sich weitere Schritte stützen können und ohne den sie schwer denkbar sind, wäre dieser Politik freilich weit mehr Widerhall zu wünschen.

So spiegelt sich in den Widerstandsformen gegen die Entrechtung in Ayazma und anderswo bzw. im bisherigen Fehlen eines wirkungsvollen Widerstands vieles wider: politische Antworten auf das veränderte Arrangement von Lebens- und Arbeitsweise, für das die türkische Politik des kentsel dönüşüm steht, werden dringend gebraucht, sind aber noch lange nicht gefunden. Und es fragt sich ferner, ob nicht auch manche Konventionen oppositioneller Politik den Blick dafür verschlieβen, wie sehr Klassenauseinandersetzungen sich auch als Kämpfe um ‚Raum','Identität', Wohn- und Lebensweise zeigen.

(1) Name von den Autorinnen geändert.

İstanbul - Arbeits Welt

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