05 Mai 2011, Donnerstag

1. Mai 2011 am Taksimplatz

Am Istanbuler Taksim-Platz wurde der 1. Mai gefeiert. Hunderttausende Arbeitende protestierten gegen Ausbeutung und Ungleichheit. Auch in anderen Städten gab es groβe Beteiligung.

Der Tag der Arbeit wurde in der Türkei  in Dutzenden Provinzen und Kreisstädten gefeiert, allen voran Istanbul. Nach langen Jahren des Verbots, das erst im letzten Jahr aufgehoben worden war, wurde der Taksim-Platz im Zentrum so zum zweiten Mal zur Bühne einer riesigen Feier der Arbeitenden. In diesen Jahr versammelten sich nahe an 500.000 Menschen dort; die Atmosphäre entsprach damit wirklich einem Feiertag. Da der Platz die vielen Teilnehmenden nicht mehr fasste, wurde auch der anliegende Gezi Park für sie eröffnet. Jenseits der Demonstrationen in Istanbul wurde der 1. Mai auch in vielen anderen Orten mit fast 100.000 Beteiligten gefeiert und erreichte damit die im Weltmaβstab gröβte Beteiligung in der Türkei.

In Istanbul empfand die Menge die Atmosphäre vom 1. Mai 1977 nach, als das Rednerpult am gleichen Platz aufgestellt und dasselbe Transparent des Gewerkschaftsverbandes DİSK wie vor 34 Jahren am Atatürk-Kulturzentrum aufgehängt wurde. Am Rednerpult prangten auf Kurdisch und Türkisch Spruchbänder mit der Forderung nach „Arbeit, Frieden, Demokratie und Freiheit‟ und „Hoch der Erste Mai‟. Ein an Kränen aufgehängter Bildschirm übertrug die Bilder der Sprechenden für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

ZWEISPRACHIGES REDNERPULT

Die Redebeiträge wurden diesmal nicht von Gewerkschaftsvorsitzenden, sondern von Arbeitern im Widerstand gehalten. Sie betonten v.a. die Forderungen nach sicherer Beschäftigung und Zukunft sowie nach einem Ende der Verleugnung der kurdischen Frage durch den türkischen Staat und dessen Assimilationspolitik. Auch die Repression gegen Oppositionelle fand Erwähnung. Und zum ersten Mal war das Rednerpult zweisprachig: eine Erklärung der ‚Plattform der Unabhängigen Revolutionären Klasse' verlasen Süleyman Batur auf Türkisch und der Textilarbeiter Ruşen Bana auf Kurdisch.

Von Umweltthemen bis zur kurdischen Frage wurden Belange fast aller gesellschaftlichen Schichten zur Sprache gebracht und so die Vielfalt oppositioneller Gruppen auf dem Platz widergespiegelt. Anschlieβend gab es ein Konzertprogramm. Nach Grup Yorum, die v.a. traditionelle Arbeitermärsche präsentierten, gaben Kardeş Türküler und Agire Jiyan Darbietungen. Die Gruppe Agire Jiyan sang den Arbeitermarsch zum 1. Mai auf Kurdisch. Aufmerksamkeit erregte, als auch Grup Yorum den Hernepeş-Marsch auf Kurdisch interpretierte. Auch armenische Gesangsbeiträge erklangen von der Bühne. Während des Musikprogramms wurden auf den Wunsch von JournalistInnen auch Grüβe an ihre in Haft befindlichen KollegInnen, darunter auch Nedim Şener und Ahmet Şık, ausgerichtet.

An der zentralen Feier zum 1. Mai fiel die massenhafte Beteiligung der BDP auf, die die Zusammenkunft prägte. GewerkschafterInnen, VertreterInnen politischer Parteien, SozialistInnen, DemokratInnen, Feministinnen, schwullesbische und UmweltaktivistInnen, Transgenders und Jugendliche  besetzten den Platz mit ihren Forderungen. Der Widerstand gegen Wasserkraftwerke, Staudämme und Atomanlagen fand ebenso Platz wie zahlreiche Arbeitskämpfe, Forderungen alevitischer Organisationen und der Kampf gegen Transsexueller, Transgenders, Lesben und Schwuler gegen Hassverbrechen. Das Ziel der GymnasialschülerInnen war indessen der Vorsitzende der Behörde für Universitätsprüfungen und Studienplatzvergabe (ÖSYM), Ali Demir.

IN VIER ZÜGEN ZUM TAKSIM-PLATZ

Die verschiedenen Gewerkschaftsverbände liefen in jeweils eigenen Zügen zum Platz: Türk-İş vom Dolmabahçe-Palast, DİSK von Şişli, Hak-İş von der Mete Caddesi, KESK von Şişhane aus. Ihnen schlossen sich Parteien und zivilgesellschaftliche Organisationen an, wie etwa die Ingenieurs- und Architektenkammer TMMOB, der Republikanische Anwaltsverein ÇHD, der alevitische Pirsultan Abdal-Verein, der Berufsverband der MedizinerInnen TTB, der Verein Volkshäuser, der 78er-Verein u.v.a. Allein im von Şişli ausgehenden Zug liefen so viele Menschen zum Platz, dass das Ankommen dort bis zum Ende der Veranstaltung nicht abriss.  Hier fand sich auch der Wahlblock für Arbeit, Freiheit und Demokratie mit den unabhängigen KandidatInnen Sırrı Süreyya Önder und Sebahat Tuncel. Am Zug des Verbandes KESK beteiligten sich auch die Grünen mit einem Transparent „Schluss mit der Ausbeutung von Mensch und Natur‟. Die Plattform Unabhängiger JournalistInnen zog mit einem groβen Transparent zu den neusten Verhaftungen auf den Platz und wies die Loyalität zu staatlichen Interessen zurück; KarikaturistInnen trugen ihre Werke bei.

TAG DER ARBEIT IN DEN GROSS- UND KREISSTÄDTEN

Der Tag der Arbeit wurde ab den Morgenstunden in Ankara, Diyarbakır, İzmir, Eskişehir, Van, Adana, Mersin, Mardin, Dersim, Adıyaman, Antep, Elazığ, Amasya, Tokat, Nevşehir, Bolu, Alanya, Şırnak, İdil und Lüleburgaz von Zehntausenden gefeiert. Gemeinsame Forderung war die nach Arbeit, Freiheit und Frieden. Slogans richteten sich gegen die Privatisierungs- und Deregulierungspolitik der Regierung. Ein Merkmal der diesjährigen Märsche und Feiern waren die lautstark zum Ausdruck gebrachten Forderungen „Die Waffen sollen schweigen, Frieden jetzt sofort‟ und „Es lebe die Freundschaft der Völker‟.

Die einzige Stadt, in der der 1. Mai nicht begangen werden konnte, war Batman. Dort kam es zu Protesten gegen Durchsuchungen der Polizei; die Demonstrierenden gingen zu einem Sitzstreik über und zerstreuten sich später, ohne auf dem zentralen Platz zusammengekommen zu sein. Alle übrigen Kundgebungen und Feiern verliefen bis auf kleine Spannungen friedlich.

ED - Übersetzung/Bearbeitung: CT