09 Mai 2011, Montag

Ahmet Şık im Interview mit Express Dergisi:

Die Sure des Fettayyip

In ihrer letzten Ausgabe veröffentliche die Zeitschrift Express Dergisi ein Interview mit dem im März verhafteten und seitdem im Gefängnis von Silivri in Untersuchungshaft befindlichen Journalisten Ahmet Şık...

In ihrer letzten Ausgabe veröffentliche die Zeitschrift Express Dergisi ein Interview mit dem im März verhafteten und seitdem im Gefängnis von Silivri in Untersuchungshaft befindlichen Journalisten Ahmet Şık.  Hintergrund für Şıks Verhaftung waren seine Recherchen zum Terrornetzwerk Ergenekon, der Unterwanderung der türkischen Polizeikräfte durch Anhänger des Predigers Fethullah Gülen und den Strukturen des sog. 'tiefen Staates', die er in Buchform aufzuarbeiten begonnen hatte. Gleichzeitig mit ihm und seinem Kollegen Nedim Şener wurden neun weitere Personen verhaftet. Die Fragen wurden Ahmet Şık per Brief zugesandt und in der gleichen Form beantwortet. Wir geben Auszüge aus dem Interview wieder und bedanken uns beim Kollektiv der Express für die gute Zusammenarbeit.

Express: Was hat dich dazu motiviert, solch ein Buch zu schreiben? Warum hast du das Gefühl gehabt, es sei notwendig?

Wie ihr wisst, hatte ich zusammen mit meinem Kollegen Ertuğrul Mavioğlu ein zweibändiges Buch unter dem Titel 'Vierzig Maulesel, vierzig Zeilen' veröffentlicht. Die grundlegende These in diesem Buch ist folgende: Ja, es gibt in der Türkei eine Tradition des 'tiefen Staates', die bis in die 1990er zurückreicht. Diese wird manchmal als Konterguerilla gedacht, manchmal mit den Namen Susurluk und Şemdinli verbunden; es ist eine Struktur mit blutiger und schmutziger Vergangenheit. Und wenn dem so ist: Zeigen uns die Ergenekon-Ermittlungen, dass diese Struktur beseitigt wird, oder um noch weiter zu gehen, dass die daran Beteiligten verurteilt werden? Meines Erachtens ist die Antwort darauf ein klares Nein. Der Ergenekon-Prozess räumt nicht mit dieser ‚tiefen' Struktur auf. Ganz im Gegenteil, er schützt sie und bringt seine eigenen Akteure in Stellung. Die engen Verbindungen derjenigen Stellen, die diese Art von Ermittlungen durchführen - nämlich Polizei und Gericht - mit einer Gemeinschaft, die in den letzten Jahren zu einer verborgene Macht angewachsen ist, sind vielfach zur Sprache gebracht worden. Diese Situation, deren Benennung mitunter wie die Paranoia von Ultra-Laizisten wirkt, ist durch das Buch des ehemaligen Polizeipräsidenten Hanefi Avcı noch offenkundiger geworden.

Express: Während deiner Festnahme hast du gerufen: Wer dies anfasst, verbrennt sich! Hernach wiesen viele Kommentare (z.B. die von Ekrem Dumanlı, Emre Uslu und Etyen Mahçupyan) darauf hin, dass seit Jahren etliche Bücher auf dem Markt sind, die die Fethullah-Gülen-Bewegung zum Gegenstand haben  und kritisieren, und den AutorInnen wie z.B. Hikmet Çetinkaya nichts passiert ist. Was ist der Unterschied an deinem Buch? Was ist es, was du ‚angefasst' und dich ‚verbrannt' hast?

Was mich zum Ziel macht, ist der Umstand, dass diese Gemeinschaft mittlerweile zu einem Machtfaktor geworden ist, dass sie diese Macht gebrauchen kann und einen unstillbaren Machthunger entwickelt hat. In meinem Buch stehen keine derartig schockierenden Informationen. Es besteht eigentlich in der geordneten, chronologischen und auf Dokumentenrecherche basierenden Aufstellung solcher Informationen, gewissermaβen in einer Gedächtnisauffrischung für diejenigen, die daran interessiert sind. Und insbesondere in einer Zeit, in der die Ergenekon-Ermittlungen aufgrund ihrer Ausrichtung und Unergiebigkeit kritisiert werden, war es wichtig, zu sagen, lest und beurteilt den Prozess in diesem Lichte. Dass die Person, die dies sagt, sich überdies fernab von nationalistischen, rassistischen oder gar faschistischen Banden und vielmehr als Sozialist versteht, war ebenfalls ein Aspekt - das hob auch Alper Görmüş hervor, mit dem ich zwei Tage vor meiner Verhaftung noch telefoniert habe.

Express: Der Staatsanwalt Zekeriya Öz hat erklärt, du seist nicht wegen des Buches verhaftet worden. Weniger als drei Wochen später wurde die Beschlagnahmung des Buchentwurfs entschieden und die Entwürfe auf den Computern deines Verlags İthaki Yayınları, deines Anwalts Fikret İlkiz und Ertuğrul Mavioğlus auf polizeilichen Befehl gelöscht. Auch euer Trakt wurde durchsucht. Wie bewertest du diese Ereignisse?

Die Staatsanwaltschaft hat sich selbst dementiert. Das heisst nichts anderes, als dass das Buch selbst das Problem ist. Und jetzt versuchen sie, seine Veröffentlichung gänzlich zu verhindern.

Express: Es wird behauptet, die Notizen im Entwurf stammten von Ergenekon, ferner heisst es, du hättest sie als deine eigenen bezeichnet. Was sagst du dazu?

Bei der Staatsanwaltschaft wurden mir zwei, drei Sätze vorgelesen und gefragt, ob es meine seien. Es waren meine. Etwas anderes wurde mir nicht vorgelesen. Es ist begreiflich, dass ich nicht für etwas einstehen kann, das mir nicht vorgelesen wurde. Auch zu den Notizen im ohne mein Wissen oder meine Zustimmung dem Sender Oda-TV zugesandten, oder von mir aus auf dem dortigen Computer ‚abgelegten' Exemplar wurde ich weder von der Staatsanwaltschaft, noch vom Richter befragt. Ich sehe sie jetzt, drei Wochen nach meiner Verhaftung, in der Zeitung. Wäre ich bei der Staatsanwaltschaft befragt worden, so hätte ich geantwortet, was ich jetzt euch antworte: es handelt sich um Notizen, die eine meiner Quellen auf einem von mir zur Verfügung gestellten Exemplar zur Überprüfung von Angaben vorgenommen hatte. Es bedeutet nichts anderes, als eine Reportage von einem Informanten gegenlesen zu lassen. Wie können die behaupten, dass alle Ansichten und Ratschläge, die ich zu meinem Buchentwurf bekomme, in die fertige Version aufgenommen werden? Dass ich für Sichtweisen, die mir als Notizen zugeschickt werden, einstehe, ist undenkbar. Aber natürlich korrigiere ich gegebenenfalls Fehler bei Daten oder Passagen, die als Beleidigung aufgefasst werden können. Wie eben schon gesagt: von solchen Notizen habe ich das berücksichtigt, was die Qualität des Buches verbessert, wie es journalistischer Arbeit entspricht, Notizen die persönliche Ansichten ausdrücken, nicht. Wenn das Buch erscheint, wird sich das von selbst herausstellen. Meine Quellen werde ich indessen, so wie es die Regeln des Berufs erfordern, nicht preisgeben.

Express: Wie steht es mit der Durchdringung der Polizei durch Gülen-Anhänger - ist es so schlimm wie die ‚Ultralaizisten' behaupten, oder ist da auch ein bischen Paranoia am Werk?

Also, während ich das Buch schrieb, entschlüpften mir immer sorgenvollere Sätze zum dem Punkt, an dem die Sache ist. Manchmal sagte ich mir, ‚Junge komm zu dir, denkst du schon wie die radikalen Laizisten?' Wir haben uns über meinen Zustand amüsiert, meine Frau Yonca und ich. Aber wenn ich mir diese Frage jetzt von meiner Zehn-Quadratmeter-Zelle aus und auf das Stückchen Himmel blickend, das das Fenster hier mir zeigt, beantworte: ja, es ist so schlimm. Als ich noch in Freiheit war, beendete ich mal einen Text mit der ironischen Bemerkung ‚Die Sure des Fettayyip (Kunstwort, das die Verbindung von Fethullah Gülen und Tayyip Erdoğan andeuten soll) besagt, dass eines Tages jeder Oppositionelle Ergenekon zu schmecken bekommen wird'. Nun, der Tag ist für mich gekommen. Wer ist wohl als nächstes dran?

Express: Wir wissen, dass du in den Tagen vor deiner Verhaftung vorausgesehen hast, dass so etwas passieren könnte. Was hatte dich darauf gebracht?

Wenn man eine der laufenden Ermittlungen, die das politische Glück der AKP erhalten, hinterfragt und verlauten lässt, dass es da zu Rechtsverletzungen kommt, dann ist es das Allereinfachste, in einer Schublade wie Ergenekon, KCK oder ‚Revolutionäres Hauptquartier' (Devrimci Karargâh, aus einem Flügel der Organisation Dev-Sol hervorgegangene Organisation) zu landen. Eben das ist mir passiert. Ich sage euch, sie werden aus ein paar Ausschnitten aus illegal abgehörten Telefonaten, aus Terminen die ich rund um die Erstellung des Buches hatte, aus Entwürfen und passenden Abschnitten aus Reportagen von mir etwas machen, das ihnen entgegenkommt. Bisher lief das so, und ich erwarte nicht, dass es jetzt anders läuft.

Express: Wie sind die Bedingungen im Gefängnis, womit vergeht die Zeit?

Die Erbauer dieses Gefängnisses haben wohl wie Nazis gedacht. Das bauliche System ist so, dass du niemanden siehst auβer den Leuten in deinem eigenen Trakt. Obwohl es kein F-Typ ist, können Menschen hier je nach Wunsch vollständig isoliert werden. Das Personal verhält sich uns gegenüber nicht negativ. Was mich betrifft, ich versuche so viel wie möglich zu lesen. Auβer Besuchen machen mich Briefe sehr froh. Ich sende allen meine Grüβe und Freundschaft.

Express Dergisi, März 2011 - Übersetzung/Bearbeitung: CT