07 Juni 2011, Dienstag

Frauen treten für Dilşat Aktaş ein

Voller Wut gingen am vergangenen Samstag Frauen in Istanbul auf die Straße, um gegen Ministerpräsident Erdoğan zu protestieren.

Voller Wut gingen am vergangenen Samstag Frauen in Istanbul auf die Straße, um gegen Ministerpräsident Erdoğan zu protestieren. Dieser hatte sich in Bezug auf Dilşat Aktaş, der im Zuge einer Protestkundgebung in Ankara gegen die jüngten Ereignisse in Hopa durch Polizeiprügel der Hüftknochen gebrochen worden war, folgendermaßen geäußert: "In Ankara ist ein Mädchen oder eine Frau, was weiß ich, wohl auf einen Panzer gestiegen, hat die Polizei angegriffen. Wie war das noch gleich - sie verlange Rechenschaft für die Ereignisse in Hopa".

An der Protestkundgebung vor dem Galatasaray-Gymnasium im Zentrum Istanbuls nahmen Frauen des Vereins Volkshäuser, dessen Vorstand Aktaş angehört, sowie u.a. Mitglieder des Frauensolidaritätsvereins İMECE, der Sozialistisch-Feministischen Kollektive, der Partei für Freiheit und Solidarität ÖDP, der TKP, der Emek Partisi, der EHP, der Gewerkschaftsverbände DİSK und KESK, des ESP-nahen Sozialistischen Frauenrates sowie  der Revolutionären Arbeiterpartei DİP teil.

IN BÄCHEN, AUF PANZERN...

In der gestrigen Kundgebung vor dem Istanbuler Galatasaray-Gymnasium machten die Frauen mit Slogans wie "Hopa ist überall; Wir alle sind Frauen", "Einen sexistischen Ministerpräsidenten wollen wir nicht", „Wir alle sind Dilşat, wir alle sind Frauen‟ und "Ob in Bächen oder auf Panzern, Frauen sind überall" darauf aufmerksam, dass Erdoğans sprachlicher Angriff auf Dilşat Aktaş als Angriff auf alle Frauen, die sich für Gleichheit und Freiheit einsetzen, zu werten ist.

Bezugnehmend auf die Aussage Erdoğans "Die Plätze sind nicht leer" betonten die Frauen, dass die Plätze sich mit Frauen füllen werden und keinesfalls den Feinden von Volk und Frauen überlassen werden. Sie trugen das Foto von Aktaş auf dem Panzer, das seit einigen Tagen zum Symbol für die Proteste gegen die Vorfälle in Hopa geworden war, mit sich.

Die Vorsitzende der Volkshäuser, İlknur Birol, begann die Presseerklärung im Namen der Frauen mit den Worten: "Wir sind auf der Strasse, um gegen Frauenfeinde zu demonstrieren, wir stehen für Dilşat ein."

Birol erinnerte daran, dass Erdoğan die BewohnerInnen von Hopa als Terroristen und Mitglieder einer illegalen Organisation bezeichnet und in Bezug auf Metin Lokumcu, der bei den Vorfällen in Hopa ums Leben gekommen war, "Einer ist gestorben, ich sehe keine Notwendigkeit, mich damit aufzuhalten", gesagt hatte. Sie fuhr fort: "In der Tat, diese Plätze sind nicht leer. Wir werden diese Plätze keinesfalls Volks- und Frauenfeinden wie euch überlassen."

'WIR WAREN, SIND UND WERDEN AUF DER STRASSE SEIN'

Birol sagte weiterhin: "Das Gesicht dieses Frauenfeindes ist uns nicht unbekannt. Dass ein Ministerpräsident, der in einem Land, in dem täglich fünf Frauen umgebracht werden, in dem innerhalb der letzten sieben Jahre die Gewalt gegen Frauen um 1400% zugenommen hat, und der dazu sagt "die Presse übertreibt die Vorfälle" und  "ich glaube nicht an die Gleichheit von Frauen und Männern" verkündet, dass dieser Ministerpräsident und Frauenfeinde gleicher Gesinnung, die gegen den kleinsten Widerstand mit Angriffen auf das Volk vorgehen und zeigen, dass Frauen zur Zielscheibe erklärt werden, die eigene Doppelmoral der Gesellschaft aufoktroyieren wollen, ist nur folgerichtig." Birol betonte, dass Frauen schon zuvor gegen Frauenfeinde auf Plätzen, Strassen und Barrikaden waren und auch weiterhin sein werden.

DENKE NEUNMAL ÜBER DEINE WORTE NACH

Im Anschluss an İlknur Birol ergriff Döndü Taka, die Vorsitzende der Gewerkschaft KESK das Wort. Sie erinnerte daran, dass Erdoğan die Journalistin Nuray Mert, von der er vor einigen Tagen kritisiert worden war,  als „feige‟ betitelt hatte. Taka wandte sich mit folgenden Worten an den Ministerpräsidenten: "In der Luftröhre befinden sich neun Verdickungen. Überdenke deine Worte während sie an jeder einzelnen vorüberziehen. Hör auf, Werktätige, Frauen, Menschen mit Behinderung, Arbeiterinnen und Arbeiter, Dorfbewohner, Leute, die im Schweiße ihres Angesichts ihren Lebensunterhalt verdienen, Intellektuelle, Schriftsteller und Künstler zu beschimpfen. Andernfalls wirst du katastrophal enden."

Der im Namen des Sozialistischen Frauenrats verlesene Redebeitrag erinnerte ferner an die in Hopa verhafteten unabhängigen Kandidaten und die polizeiliche Gewaltanwendung gegen die Istanbuler ESP-Vertreterin Tuba Gümüş. Gegen die Angreifer werde Anklage erhoben. „Der Kampf der Frauen für Gleichheit und Freiheit wird weitergehen. Und sie sollen uns weiter fürchten‟, schloss der Beitrag.

ER NIMMT SICH ZUVIEL HERAUS

Die im Namen der ÖDP-Frauen sprechende Deniz Özlem Bilgili wünschte in ihrer Rede zunächst Dilşat Aktaş "Gute Besserung!" und fuhr dann fort: "Ob Erdoğan Gynäkologe oder Moralpolizei spielen will, wissen wir nicht, aber er nimmt sich zuviel heraus. Wir werden auch weiterhin Frauenfeinde mit Schuhen und Eiern bewerfen." Bilgili äußerte sich wohlwollend zu Frauensolidarität und Widerstand in Hopa und beendete ihre Rede mit den Worten: "Dilşats, Ayşes und Fatmas werden auch in Zukunft auf Panzer klettern."

In der Erklärung des Sozialistisch-Feministischen Kollektivs hieß es: "Erdoğan ist ein überaus sexistischer, frauenfeindlicher Ministerpräsident. Wir schämen uns für diesen Ministerpräsidenten. Mit jeder seiner Reden nimmt die Gewalt gegen uns zu. Wir wünschen Dilşat gute Besserung. Wir wissen, dass gemäß den Reden des Ministerpräsidenten das, was Dilşat erleiden muss, auf uns alle zukommt."

İSTANBUL- sendika.org

Kürzung: RH, Übersetzung: RH/CT