12 Oktober 2010, Dienstag

'WEG MIT DEM VERPFLICHTENDEN RELIGIONSUNTERRICHT!'

24stündiger Sitzstreik alevitischer Organisationen

Die alevitischen Organisationen in der Türkei folgten dem Aufruf des Kulturvereins Pir Sultan Abdal (PSAKD) zum Sitzstreik gegen den verpflichtetenden islamischen Religionsunterricht an Schulen. Hunderte nahmen an der Aktion auf dem Ankaraer Sarkarya-Platz teil.

Während die Aktion andauerte, verlautete Staatsminister Faruk Çelik in einer Erklärung, die Forderung nach Aufhebung des verpflichtenden Religionsunterrichts sei inakzeptabel. Von alevitischer Seite war zu hören, sofern es keine konkreten Schritte zur Aufhebung des Unterrchts gäbe, werde man zu Boykottmaβnahmen übergehen.

Zu Beginn der Aktion stellte der PSAKD-Vorsitzende Fevzi Gümüş fest, die Regierung lege politischen Freiheiten und grundlegenden Rechten gegenüber eine heuchlerische Haltung an den Tag. Zum Auftakt marschierten die TeilnehmerInnen vom Platz des Kollegs (Kolej Meydanı) bis zur Ziya Gökalp-Strasse. Transparente und Slogans forderten die Aufhebung des Pflichtunterrichts, die Umwandlung des Madımak-Hotels in Sivas - 1993 Ziel eines antialevitischen Angriffs, der 37 Tote forderte - in ein Museum, die Schlieβung der Relionsaufsichtsbehörde Diyanet İşleri, sowie die gesetzliche Legitimation der alevitischen Gebetshäuser (cemevleri).

Gümüş erinnerte in seinem Redebeitrag ferner daran, dass der verpflichtende Religionsunterricht ein Produkt des Putsches vom 12. September sei und dahinter das Ziel der Assimilierung alevitischer Schülerinnen und Schüler stehe. Die alevitischen Vereine, so Gümüş, führten einen entschiedenen Kampf für die Aufhebung des Unterrichts; auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EuGHMR) habe entschieden, dass es sich hierbei um einen Verstoβ gegen ein grundlegendes Recht handle, und die Türkei zur Veränderung der Situation aufgefordert. Die Sitzstreikaktion erfolge auf das Ausbleiben konkreter Schritte der Regierung trotz dieser klaren Entscheidung des Gerichtshofs. Gümüş fuhr fort, der verpflichtende Unterricht sei eine Fortsetzung der von der Junta des 12. September ins Werk gesetzten 'Türkisch-islamischen Synthese'.

Nach Gümüş' Rede zogen die Teilnehmenden weiter in die Sakarya-Straβe und begannen mit dem 24-stündigen Sitzstreik. Diese wurde von Darbietungen alevitischer Tanzrituale begleitet.

AUSHARREN BEI FROSTWETTER

Die Vertreterinnen und Vertreter alevitischer Einrichtungen setzten ihre Aktion auch bei nächtlicher Kälte fort, obwohl die Polizei ein Ende der Aktion um Mitternacht angeordnet und die Annahme von wärmenden Decken verhindert hatte. Mit Rundtänzen und Lagerfeuern hielten sich die Teilnehmenden warm.

ANTWORT DER REGIERUNG ABERMALS NEIN

Seitens der Regierung gab es keinerlei Reaktionen auf den Sitzstreik. So steht die Ablehnung der Forderung nach Abschaffung des verpflichtenden Unterrichts weiter im Raum.

Staatsminister Faruk Çelik betonte in einer zeitgleich zur 24-stündigen Aktion der alevitischen Organisationen erfolgenden Erklärung, der Unterricht werde bleiben, lediglich der Lehrplan könne sich ändern. Über die übrigen von alevitischer Seite gestellten Forderungen ging der Minister, der von einer 'Verurteilung' durch den EuGHMR sprach, gänzlich hinweg. Lediglich hinsichtlich des Status' der alevitischen Gebetshäuser signalisierte Çelik Gesprächsbereitschaft. Die Diskussion um die Auflösung der Religionsbehörde kritisierte er mit dem Verweis, es müsse an deren „Gründungsziel‟ gedacht werden.

Ankara - Arbeits Welt